Die große Flucht PDF Print E-mail
Written by Norbert Zorn   

 

Hier ist ein Brief von einer Zeitzeugin und ein Bericht einer anderen Zeitzeugin zu unserem Thema "Die Grosse Flucht"

Auszug aus einem Brief von Frau Christa von Puttkamer – Gutsherrin in Hinterpommern 

( mit der Erlaubnis des Admirals von Puttkamer)

Kurz vor unserem Treckbefehl war es den Franzosen freigestellt, sich in ein Lager abtransportieren zu lassen. Die Amerikaner gingen alle fort, auch ein Teil der Franzosen.  Vorher kommt aber eine Abordnung zu mir und fragt im Auftrag der Gefangenen was ich zu tun gedächte, wenn die Russen kämen. Ich antworte ausweichend, - worauf sie mir sagen, es bleiben etwa 6 Mann bei  mir. Auf die Deutschen wäre kein Verlass, die würden nur an sich selbst denken. Ich wäre ja als Frau allein, da „Monsieur“ nicht da wäre, und so hätten sie eine volle französische Gefangenuniform für mich in einem Strohsack versteckt. Ich solle mir die Haare abschneiden und dann wollen sie mich mitnehmen. Ich durfte keinesfalls als Frau den russen in die Hände fallen.

Diese 6 Franzosen sind tatsächlich den ganzen Treck bei mir geblieben, und sie waren es, nicht die Deutschen, die mir jede Situation erleichtert haben, die wie eine Amme auf mich aufpassten, die mir heißen Kaffe brachten wenn sie merkten dass es über meine Kraft ging.

Diese Haltung ist so unbeschreiblich anständig, - man darf nicht vergessen, wie unsere Kriegsgefangenen behandelt wurden. Und wenn wir auch alles getan haben um ihr Los zu erleichtern, so wussten sie doch genau wie es ihren Kameraden in den Lagern ergangen ist. Ich werde diese Haltung echter Menschlichkeit in meinen ganzen Leben nicht vergessen.

Die Grosse Flucht


Waldau, von der Natur begünstigter Ort, gelegen im großen Bogen des Ostflusses (alter Name Scheschuppe), dem Ascherer Wäldchen und dem Trappener Staatsforst.


Hier bin ich am 07.01.1932 als ältester von 5 Söhnen geboren. Meine Eltern waren der Landwirt und Schneidermeister Werner Pohlmann und seine Ehefrau Martha geb. Oppermann.


Waldau gehörte zum Landkreis Tilsit-Ragnit. Er war der nordöstlichste Kreis der Provinz Ostpreußen und wurde erst 1922 nach Abschluß des Friedensvertrages von Versailles durch Zusammenlegung der Restkreise Tilsit und Ragnit gebildet. Die Gemeinde Waldau entstand 1928 durch Zusammenlegung der Siedlungen Dannenberg, Mickehnen und Weedern. In Dannenberg war mein Großvater August Pohlmann, gleichfalls Schneidermeister und Landwirt, bis 1928 Bürgermeister. Die Landschaft war leicht gewellt und aufgrund der langen Ostfluß- und Waldbegrenzungen sehr schön und reizvoll. Allerdings gab es, wie auch in vielen weiteren Orten, keinen elektrischen Anschluß. Waldau war ein Flächendorf von rund 15 ha. Neben den landwirtschaftlichen Betrieben gab es im Ort noch selbständige Handwerker und Gewerbetreibende: Schneidermeister, Textilgeschäft, Zimmermann, Schuhmacher, Schmiede und Mühlenbetrieb, auch gab es eine ein-klassige Volksschule, die ich bis zur Flucht besuchte.


Am 12. Oktober 1944 war die Ostfront bedrohlich nahe, und es erfolgte die Order zur gemeinsamen Flucht. Wir haben unter Zurücklassung aller Tiere das Nötigste auf einen mit zwei Pferden bespannten Leiterwagen geladen, Mutter, Geschwister und die bei uns auf Altenteil wohnende Großmutter verließen den Hof. Der Wagen war mit einer Latten-Dachkonstruktion und Abdeckplanen hergerichtet worden, er wurde von unserem französischen Kriegsgefangenen, der uns auf dem Bauernhof half, gefahren. Dieser stand uns sehr umsichtig und fürsorglich zur Seite.


So begann die Flucht, zunächst im Ortsverbund, über Schillen, Wehlau nach Schmirtkeim im Kreis Bartenstein. Wir wurden auf einem Landgut einquartiert, erhielten ein Zimmer im Hauptgebäude und Stallplätze für die Pferde sowie eine Sonderunterkunft für den Fahrer. Hier verbrachten wir nach Verlassen unseres Heimatdorfes unser erstes Weihnachtsfest, allerdings noch mit einem geschmückten Tannenbaum, und glaubten fest an eine baldige Heimkehr. Dieses optimistische Wunschdenken wurde genährt durch eine entsprechende Aussage der dortigen Parteiverwaltung. Die Gefahr sei abgewendet und die deutsche Wehrmacht werde in Kürze einen großen Gegenangriff starten, was natürlich ein völliger Unsinn war. Und trotzdem waren wir so naiv, das zu glauben. Ich habe später meinem Vater - zu dem wir auch noch in dieser Zeit Kontakt hatten - den Vorwurf gemacht, daß er uns als erfahrener Frontsoldat - trotz besseren Wissens - den schon desolaten Zustand, nicht nur an der Ostfront, verschwiegen hat. Er sagte mir, er habe trotz allem auf eine Wende und Heimkehr gehofft und rührte dabei die persönlichen Erfahrungen aus dem ersten Weltkrieg in unserer Grenzregion an. So nahm das Schicksal seinen Lauf, die Front rückte näher, der Gefechtslärm war hörbar.


Anfang Januar 1945 begann unsere zweite Flucht bei klirrender Kälte und tiefem Schnee. Wir fuhren im Treck über Bartenstein Richtung Westen; Frisches Haff, Heiligenbeil, Braunsberg, um bei Dirschau über die Weichselbrücke der nachrückenden Front zu entkommen. Nur langsam ging es auf den restlos verstopften Straßen voran. Die Sowjets waren schneller, wir wurden unweit von Heiligenbeil eingeschlossen. Wir glaubten zunächst, nun geht nichts mehr, wir geraten in die so gefürchtete Gefangenschaft. Viele Menschen gaben auf, ließen Pferde und Wagen stehen und versuchten, zu Fuß in nahegelegene Häuser und Keller zu gelangen. Unser treuer und zuverlässiger französischer Fahrer gab nicht auf, er wollte unter keinen Umständen in eine weitere Gefangenschaft, die er genau so wie wir fürchtete, geraten, und das war vorerst auch richtig. In all diesem hektischen Durcheinander tauchten, für uns völlig überraschend, bewaffnete deutsche Soldaten auf. An unseren Pferdewagen kam ein Offizier, gekleidet in eine schwarze Lederuniform mit Totenkopfabzeichen an der Mütze und sagte: „Wir versuchen heute Nacht einen Ausbruch, um den Kessel zu sprengen". Die Öffnung des Kessels und unser Ausbruch gelang. Gegen Mitternacht gab es einen fürchterlichen Gefechtslärm und ca. eine Stunde später erschien erneut ein ledergekleideter Soldat und sagte: „Fahrt so gut es geht immer geradeaus; es ist uns gelungen, die Straße freizukämpfen". Wir fuhren, links und rechts Grananateneinschläge, lautes Maschinengewehrfeuer und brennende Gehöfte. In diesem Moment habe Ich zum erstenmal gedacht und mir als gerade 13jähriger Junge gesagt, Soldaten haben es doch gut, haben es besser als wir auf dem schutzlosen Treckwagen. Hört man die heulend heranfliegenden und explodierenden Granaten, die tieffliegenden, bombenabwerfenden und mit Bordwaffen schießenden Kampfflugzeuge, können die für sich alleine verantwortlichen Soldaten sich in eine schützende Vertiefung oder in einen Graben werfen.


Die Fluchtstraße konnte nur für kurze Zeit freigehalten werden, wir kamen durch. Unsere Fahrt ging dann weiter Richtung Südwesten: Braunsberg, Danzig. Die Front hatte in diesen Tagen bei Elbing das östliche Ufer des Frischen Haffes erreicht, so daß uns dieser Fluchtweg versperrt blieb. Wir wurden in der Nähe von Braunsberg über das noch tragende Eis des zugefrorenen Haffes geleitet, um auf dem schmalen Landstreifen der Nehrung Richtung Danzig zu fahren, wozu es aber auch nicht mehr kommen sollte.


Während der Fahrt über das Eis waren wir besonders schutzlos - hier gab es keine deutsche Flugabwehr - den sehr tief fliegenden sowjetischen Flugzeugen ausgeliefert. Der Treck wurde permanent von den Flugzeugen mit Bordwaffen und Splitterbomben angegriffen, es gab viele Tote, ganze Wagen mit Pferden und Menschen versanken in den Bombentrichtern. Wir glaubten es schon geschafft zu haben, wir waren kurz vor der Nehrung, da schlug ca. 10m vor unserem Wagen eine Bombe ein, ein großes Loch im Eis tat sich auf. Wir hatten Glück, daß wir nicht hineingerutscht sind. In der Aufregung sahen wir erst jetzt, was passiert war. Ein Pferd lag von Splittern getroffen auf dem Eis, der Wagenlenker, unser französischer Kriegsgefangener saß - durch Bombensplitter schwer verletzt - zusammengesunken im vorderen Bereich des Wagens, er ist später auf der Nehrung gestorben. Mutter, Geschwister und ich saßen im mittleren bzw. hinteren Wagen, wir blieben wie durch ein Wunder unverletzt.


Wir ergriffen unser immer griffbereites Not-Handgepäck und liefen übers Eis zur Nehrung. Hier wurden wir von helfendem Militärpersonal in Empfang genommen und zu einem im Wald gelegenen Barackenlager geführt. Wir baten die Soldaten, sich um unseren verwundeten Franzosen und die Pferde zu kümmern, was auch umgehend geschah. Am nächsten Tag gingen wir noch einmal zurück zum Wagen, um uns zu überzeugen. Es war so wie versprochen, der Wagenlenker und auch das gesunde Pferd waren abgeholt, das tote Pferd lag neben dem Wagen. So endete unsere Flucht im eigenen Pferdewagen