Hans Engel PDF Print E-mail
Written by Samuel Vigne   

 

Dr. Hans Engel


Ich bin 1935 vor 70 Jahren als „Nichtarier” von Hamburg nach Schottland ausgewandert. Habe in Edinburgh Medizin studiert und wurde 1941 Arzt. 1943 bin ich in die britische Armee als Militärarzt eingetreten. Ich nahm an der Invasion der Normandie teil und dann mit der 3. Infanterie-Division am Feldzug durch Frankreich, Belgien, Holland und Niedersachsen, bis wir am 26. April 1945 Bremen eroberten.


Dr. Hans EngelDie SS hatte das Problem, dass sie die Tausende von Zwangsarbeitern und KZ- Insassen nicht in die Hände der Alliierten fallen lassen wollte, dass sie als Zeugen für ihre Verbrechen überlebten. So wurden Tausende in Hungermärschen immer weiter nach Norden getrieben. Viele kamen in Hamburg-Neuengamme an, aber sie konnten hier nicht einfach ermordet werden. So wurden sie hin und her in Todesmärschen auf der Suche nach Lagern geschickt. Über 1000 wurden in Gardelegen in einer Scheune verbrannt. 60 000 kamen nach Belsen, 1000 nach Wöbbelin und 7-8 000 nach Sandbostel, wo schon seit langem ein Kriegsgefangenenlager war, in dem zwischen 11 und 18 000 russische Kriegsgefangene gestorben sein sollen.


7000 wurden auf nicht seetüchtige Schiffe in der Lübecker Bucht geschickt und kamen dort bei einem katastrophalen Unfall durch britische Jagdbomber um. Belsen wurde am 15. April durch die britische Armee befreit. Aber aus unverständlichen Gründen wurde der Übergang über die Oste noch hartnäckig verteidigt, nur ein paar Tage vor dem Ende des Krieges, und das britische Garderegiment konnte erst am 29. das Lager Sandbostel befreien.


Ich kam mit zwei anderen Militärärzten und 100 Sanitätern zuerst in das Lager. Ich werde diesen Schock nie im Leben vergessen.


Da lagen etwa 3000 Leichen im Freien, unbekannt und unbegraben. In den Baracken lagen 4000 Männer, eng gepfropft, 2 oder 3 auf einer Pritsche oder auf dem Boden, in ihrem Exkrement, ohne Decke oder Stroh. Die meisten waren krank, mit Typhus, Ruhr und Flecktyphus, verhungert und verdurstet. Viele konnten weder stehen oder gehen. Der Gestank und der Dreck war entsetzlich und macht mir noch heute Alpdrücken.


Sie haben wohl alle Filme und Photos davon gesehen, aber dieses Inferno war ganz unbeschreiblich- kein Mensch, der diese Schreckenszenen nicht persönlich erlebt hat, kann sich einen Begriff davon machen.


Wir konnten glücklicherweise mit Hilfe der Army-Narkose-Teams, die mit dem Ende der Kriegshandlungen frei wurden, die Kränksten mit Glukose, Plasma- und Salzlösung-Infusionen wiederbeleben. Ich ernannte zwei Soldaten dazu, dass sie den ganzen Tag in einem großen Kübel süße warme Milchgetränke produzierten- das einzige, das die verhungerten Menschen verdauen konnten. Die Rotkreuz-Esspakete für britische Kriegsgefangene, die sofort repatriiert wurden, waren ideal als erste Nahrung.


Dann brachten wir Wassertanker mit Trinkwasser herein, Gefangene hatten aus Pfützen trinken müssen. Wir brachten auch gleich ein Hygiene-Team ins Lager, das alles Personal und alle Patienten mit DDT bedeckte und bald die meisten Typhus-Läuse vernichtete. Wir konnten auch alle gegen Flecktyphus impfen, obgleich unser Impfstoff nicht 100 % wirksam war.


Alle Patienten mussten gründlich gewaschen und rasiert werden, und ihre Kleidung wurde verbrannt und Decken ausgegeben, die als Einkleidung dienen mussten, sowohl wie Strümpfe und Stiefel usw.


Wir öffneten zwei Field-Dressing-Stationen mit je 9 Ärzten und etwa 100 Sanitätern und später ein Feldkrankenhaus („Casualty Clearing Station“).


Aber wir hatten nie genug Personal, um diesen Augiasstall zu reinigen.


Wir zogen viele Leute aus den umliegenden Dörfern und Städten ein. Und wir schickten 3-Tonnen-Lastwagen in die Krankenhäuser in Hamburg und Bremen und holten ihre Krankenschwestern. Zuerst sagte ihre Oberin: „Wir werden doch nicht unsere Gesundheit für diese 'Untermenschen' riskieren.” Da hatte ich, wie wir alle, eine solche Wut auf diese Verbrecher und alle Deutschen überhaupt, ich gab ihnen die Gardinenpredigt meines Lebens, dass unsere britischen Soldaten Tag und Nacht arbeiteten, um Menschenleben zu retten, die wir für wertvoller hielten als ihre. Darauf haben sie doch fleißig mitarbeitet. Drei Wochen später sagte diese Oberin: „Ich habe mich nie im Leben so geschämt, eine Deutsche zu sein, wie an dem Tag, als Sie uns den Kopf gewaschen haben.”


Ich weiß, dass schon vor dem Krieg Menschen in einem KZ verschwanden und nicht wieder gesehen wurden, und wir hatten alle „Mein Kampf” gelesen. Aber das Ausmaß der Entartung der SS war wohl nicht weit bekannt. Im Ganzen wurden 6 Millionen Juden umgebracht, aber auch 5½ Millionen Christen: Zwangsarbeiter, Zigeuner, körperlich oder geistig Behinderte, Homosexuelle oder nur „politische“ Gefangene, die etwas gegen die Partei geäußert hatten. Ganz kürzlich hörte ich persönlich von drei verschiedenen russischen Ex-Kriegsgefangenen, dass sie in Sandbostel medizinischen Experimenten unterworfen waren.


Ich teile die Opfer des Krieges in zwei Stufen in Dantes Inferno. Das Fegefeuer waren die Leiden der Kampfkräfte, aber auch Kriegsgefangenen und Zivilpersonen, wie z.B. der Winterhunger der Holländer 1944-45 oder die Zerstörung durch Bomben von Coventry, London und später Dresden und Hamburg- das ist das Fegefeuer. Vielleicht kann man jetzt nach 60 Jahren vieles vergeben - aber nie vergessen. Wenn Sie die Gedenkversammlung heute als Versöhnungsfest ansehen, wie die Pro-Europa-Bewegung, dann kann ich es verstehen.


Aber die KZ, Todesmärsche und Gaskammern, die die SS und ihre Mitarbeiter systematisch organisierten - das ist die Hölle auf Erden, die ich nie vergeben oder vergessen kann.


Und es ist sehr nötig, dass eine Erinnerungsveranstaltung wie diese auch die heutige Generation daran erinnert, was einige Ihrer Großväter verbrochen haben, und dass alle Schulkinder solche KZ besuchen müssen und moderne Geschichte von überzeugten Lehrern in allen Schulen lernen, damit die Neonazis und Holocaust-Leugner ihre Rechtfertigung verlieren. Sonst sind die Opfer dieser überlebenden Gefangenen und der Millionen von Toten auf beiden Seiten umsonst gewesen.


Ich möchte noch betonen, dass ich jetzt stolz bin, dass Deutschland wieder ein zivilisiertes Land geworden ist. Ich war und vielleicht bin ich wieder Deutscher, und nebenbei jüdischer Abstammung, so wie Sie alle Deutsche sind und nebenbei mehr oder weniger Christen. Heinrich Heine und Felix Mendelssohn und Gustav Mahler waren Deutsche, und keine Nazi- Rassenlehre kann es ihnen nehmen. Ich erhielt meinen Vornamen von meinem jüdischen Onkel, der 1916 im ersten Weltkrieg für sein Vaterland gefallen ist. Aber für die Nazis waren es alle Untermenschen, die ausgerottet werden mussten.